Stadttheater Giessen
    Verve mit Tiefgang und etwas Zorn

    Verve mit Tiefgang und etwas Zorn

     Nun sind Künstler, namentlich die Pianisten, auch nur Menschen. Und sie geraten in Ausnahmesituationen in Nervosität. Etwa wenn sie für einen erkrankten Kollegen einspringen müssen. Dann läuft nicht immer alles so glatt wie geplant. Dieses Schicksal ereilte am Dienstagabend zum Auftakt der neuen Spielzeit im Stadttheater die Pianistin Ragna Schirmer – sie war für Olga Sheps eingesprungen, die sich vor wenigen Tagen eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hatte. Im dritten Satz von Frédéric Chopins 1. Klavierkonzert, dem feurigen Rondo, patzte Schirmer im rhythmisch vertrackten Mittelteil, was nur bedingt auffiel, weil die Virtuosin, als sie merkte, den Faden zu verlieren, die Wendung einfach ausließ – am meisten ärgerte das Schirmer selbst, die am liebsten aufgesprungen wäre vor Zorn. Wie zum Trotz und um zu zeigen, dass sie die schwierigsten und schnellsten chopinschen Fingerverrenkungen meisterlich zu spielen versteht, ließ sie nach stürmischem Applaus als Zugaben die Etüden 10/4 und 10/6 des großen Romantikers folgen – in einem Tempo, bei dem einem angst und bange werden konnte. Schirmers Spiel zeichnete sich durch große Emotionalität aus. Mit handfestem Anschlag perlten die Kaskaden (bis auf jene im Finale), Oktavparallelen und Triolen. Der zweite Satz, das romantische Larghetto, verfügte über Ausdruck, Schirmer wedelte mit den Tönen wie mit einer Pankha – das hatte Tiefgang und Gefühl. Mit variabler Intensität und etwas zu viel Pedaleinsatz jubilierte sie durch das Allegro, in dem sie feine Rubati zauberte und das begleitende Orchester zum Statisten degradierte. Generalmusikdirektor Carlos Spierer hatte mit dem Philharmonischen Orchester Gießen wie üblich keinerlei Probleme. Sicher führte er sein Ensemble durch den Abend. Bei Chopin war ohnehin klar: Das Orchester dient als schmückendes Beiwerk, der Solist ist der Star. Gleichwohl musizierte das Ensemble mit Sorgfalt, Spierer hielt die Tempi moderat. Mit Verve gingen die Gießener Musiker Luigi Cherubinis Ouvertüre zur 1797 uraufgeführten Oper »Médée« an – das Stück gelang wie aus einem Guss. Die für jene Zeit ungewöhnlich farbige Instrumentation machte Lust auf mehr. Der konzertante Höhepunkt folgte nach der Pause mit Franz Schuberts fünfter Sinfonie, deren berühmtes erstes Thema sogleich in Bann zog. Die Sinfonie kommt bis auf zwei Hörner ohne Blechbläser, Pauken und Klarinetten aus, was im Großen Saal zu einer wohligen, beinahe intimen Akustik führte. Der warme Tonfall wurde Programm. Die elegante Querflöte machte von sich reden, ebenso die Hörner und die übrigen Bläser, die das Notenmaterial kongenial in Töne verwandelten. Die hohen Streicher spielten etwas verhalten, aber transparent, den famosen Celli sei gedankt. Ein homogener Schubert, mit dem Dirigent Spierer seine Liebe zu den Romantikern unterstrich. Zum Auftakt des Konzerts griff das Ausnahmetalent Alexey Pudinov, Musikstudent der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, beim ersten Satz aus Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Klavier Nr. 9 »Jeune-homme « in die Tasten. Das Spiel des 22-Jährigen wirkte routiniert und glatt, das Orchester ergänzte erneut trefflich, ohne in den Vordergrund zu drängen – Spierer tupfte die Partitur quasi wie ein Freskenmaler in den Raum. Der Dirigent ist – das lässt sich nach der Spielzeiteröffnung neuerlich sagen – ein Glücksfall für das Stadttheater. Spierer gehört zu den großen seiner Zunft, seine Interpretationskunst braucht keine Vergleiche zu scheuen, sein Einfühlungsvermögen und das Gespür für die Musik und deren spannungsreiche Umsetzung bürgen für hohe Qualität. Der 47-Jährige sollte uns noch lange erhalten bleiben. Manfred Merz, 26.August 2010, Gießener Allgemeine Zeitung